Ab durch die Mitte

erschienen im Stadtboten Bad Liebenzell, Woche 46/2019

Den beruflichen Erfolg meiner Familie konnte ich als Sohn daran ablesen, wie groß unser Auto war. Mit dem Käfer fing es an und schon mit dem fuhren wir von Liebenzell bis nach Italien in den Urlaub. Später wurden die Opel-Autos immer größer – bis hin zum gelben Kapitän. Und weil dieses Symbol von Wirtschaftswunder im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, war auch der ADAC der Treffpunkt der bürgerlichen Mitte von Bad Liebenzell. Dort konnte man für seinen sozialen Aufstieg Anerkennung bekommen und sich gegenseitig beim Ausflug gratulieren. Das war jetzt normal.

 

Faschismus war gestern – psst!

 

Aus dem Sonntagsbraten war tägliches Essen mit Fleisch geworden. Und als Willy Brandt im Kurpark sprach, war es schon die Ausnahme, dabei zu sein. Das war schon fast nicht mehr in der Mitte, also gerade noch – nach dem Kniefall in Prag. Natürlich hat sich das alles in den letzten fünfzig Jahren kräftig weiterentwickelt. Aber immer der Spur nach. Brav in der Mitte bleiben und nicht besonders auffallen. Fernreisen per Flugzeug kamen dazu, viele auch beruflich. Jede Menge Elektronik, Internet, dutzende TV-Programme und immer schneller wechselnde Kleidermoden wurden normal. Parteien und Regierungen sorgten dafür, dass das alles gut funktionierte, keine Engpässe auftraten und „wir“ immer wieder Exportweltmeister wurden. Öfter als Fußballweltmeister!

 

Und jetzt plötzlich das: Die Natur erträgt das nicht! Auf keinen Fall.

 

Wir hinterlassen mit unserem, sollen wir sagen: stink-normalen Alltag einen extremen ökologischen Fußabdruck, wird uns vorgerechnet. Unsern Strom aus Braunkohle machen – das ist von vorgestern! Bodenschätze wie Erdöl oder Erdgas einfach als Treibstoff und für Heizungen verbrennen – wer das noch länger als zehn Jahre macht, vergeht sich an der Zukunft. Das fossile Modell Deutschland ist nicht mehr „Mitte“; hat ausgedient. Der Klimawandel galoppiert und unsere Wohlstandsgesellschaft muss die Pferde wechseln. Das Jahrzehnt 2020 – 2030 ist entscheidend, sagt uns der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung. In genau diesen zehn Jahren muss der CO2-Ausstoß halbiert werden. 50% runter! Aber wie? Darüber müssen wir uns wohl schnell gründlich zusammensetzen und beraten. Einfach wird das nicht. Und alles was bislang ganz normal war, ist es ab jetzt nicht mehr. Selbst die Arbeitsplätze beim Daimler wackeln und mit Ihnen die ganze Firma „Ländle“. Der gesellschaftliche Kompass zittert und zeigt streng auf eine neue Richtung: „Umfassender ökologischer Umbau unserer sozialen Marktwirtschaft“ – möglichst in Freiheit, sozialem Frieden und mit demokratischen Mitteln. Die Feinde der liberalen Ordnung scharren schon hörbar mit ihren völkischen Füßen! Trippelschrittchen in der Politik werden auf jeden Fall nicht mehr ausreichen und ADAC-Plaketten für viele Jahre unfallfreies Fahren sind auch nicht mehr das, worauf es ankommt! Viel Einfallsreichtum und noch mehr bürgerschaftliches Engagement sind gefragt.

 

Kurz: schwäbische Diftele vereinigt euch!!

 

Für die Grünen, Albrecht Martin