Einpacken

Dieser Text wurde nicht im Stadtboten Bad Liebenzell veröffentlicht. Die Grundsätze für die Artikel der Parteien sehen allgemeine politische Aussagen, auch wenn sie unter dem Namen der Partei erscheinen und namentlich gekennzeichnet sind, nicht vor.

Die Bundeskanzlerin erklärte in einer Pressekonferenz, wie unser Regierungssystem auf dem Vertrauen in die Institutionen des Staates aufgebaut ist. So käme es bei Gesundheitsfragen darauf an, dass die Bevölkerung der Arbeit der 400 Gesundheitsämter in Deutschland folgt und den dort tätigen und beratenden Spezialisten Glauben schenke.

Wenn dieses Grundvertrauen in den Staat und seine Institutionen nicht mehr existiere, „dann können wir einpacken!“, so die Kanzlerin wörtlich. ABC in Staatsbürgerkunde.

Da zum Schutz vor der Seuche Covid 19 in kurzer Zeit viele staatliche Maßnahmen getroffen wurden, gibt es natürlich Betroffene, die mit bestimmten Regelungen nicht einverstanden sind. So ist es kaum auszuhalten, wenn Sterbende im Krankenhaus nicht durch ihre Nächsten besucht werden dürfen und die Ausnahmegenehmigungen nur spärlich erteilt werden. Manche Bürger*innen haben vor Gericht ihre Interessen erfolgreich durchsetzen können und Regelungen mussten angepasst werden. So funktioniert die Gewaltenteilung in unserer Demokratie.

Andere – auch Bürgerinnen und Bürger aus Bad Liebenzell – gehen zu Demonstrationen, um auf diesem Weg ihrem Unmut Luft zu verschaffen. „Das ist ihr gutes Recht“, sagte Ministerpräsident Kretschmann. Wer zu solchen Demonstrationen geht, muss sich allerdings darauf gefasst machen, dass von Rednern und Agitatoren rassistische und antisemitische Parolen und ihre Verschwörungstheorien unter die Leute gebracht werden. Sehr bedauerlich, dass auch hier ein Raum für Hass und Hetze entstanden ist. Gefährlich ist auch, wenn „aus Protest“ die zurzeit nötigen und hilfreichen Abstandsregelungen und Maskenpflicht beim Einkaufen bewusst nicht eingehalten werden. Dieser bis zur Unvernunft hochgejubelte Individualismus ist gefährlich – für uns alle.

Unter anderen verbreiten auf den Demonstrationen sogenannte „Impfgegner“ ihre Ansichten. Neben den durchaus berechtigten Bedenken, dass angesichts der drängenden Lage die üblichen, notwendig langen Testphasen für die Zulassung von Impfstoffen deutlich verkürzt werden könnten, schweift hier die Kritik rasch ab und wirft Bill Gates, dem Gründer der Fa. Microsoft, unlautere Interessen vor. Mit seiner Stiftung engagiert sich Gates schon seit vielen Jahren für preiswerten Impfstoff für die armen Länder der Welt.

Gegen Covid 19 wird nun (nicht nur) von ihm ein Impfverfahren propagiert und gefördert, das seit 20 Jahren im Kampf gegen den Krebs erforscht wird. Die Fachwelt sieht darin eine große Chance, künftig rascher mit Pandemien fertig zu werden. So kann es gut sein, dass unser Gesundheitsamt in Calw in absehbarer Zeit zur Impfung mit mRNA-Impfstoff aufruft und anstrebt, dass sich mindestens 70 % der Bevölkerung impfen lassen. Damit könnten dem Virus enge Grenzen gesetzt werden. Bis dahin heißt es weiterhin, die „Kurve flach zu halten“ – dazu gibt es keine Alternative, es sei denn, es gäbe ein gutes Medikament noch vor dem Impfstoff. Hoffen wir, dass die Mehrheit der Bevölkerung vernünftig bleibt und nicht der Stimmungsmache gegen das staatsbürgerliche ABC, sondern weiterhin den Empfehlungen des Gesundheitsamtes folgt.

Sonst, wie gesagt, „können wir einpacken“! 

Albrecht Martin, Bad Liebenzell