Erkinger, Hilf!

erschienen im Stadtboten Bad Liebenzell, Woche 50

Die Bundesregierung hat einen wissenschaftlichen Beirat. Der veröffentlicht unter www.WBGU.de seine Politikpapiere und legt sie der Regierung auf die Schreibtische. Wen es interessiert, darf sie kostenlos bestellen.

Auch das Papier zur Klimapolitik und Kohle­ausstieg. Ja, ja, das gab es schon vor dem Klimapaket. Seit über einem Jahr liegt es auf den Tischen. Deshalb sagt ja "Fridays for Future": Hört auf die Wissenschaft!

 

Hier steht sehr, sehr deutlich, wie dramatisch knapp die Zeit ist: „Um die weitere Erwärmung durch menschliche Aktivitäten zu begrenzen, ist es notwendig, den Eintrag von CO2 in die Atmosphäre zu stoppen.“ Oha! Da ist nicht von „etwas weniger“ die Rede. „Stoppen“ steht da. Und zwar innerhalb zwanzig, dreißig Jahren.

Vor allem geht es um Kohle, Erdöl und Erdgas. Diese fossilen Energieträger müssen raus aus dem System. Raus aus der Stromer­zeugung und aus allen Produktions­­abläufen der Wirtschaft. Keine Steinkohle mehr aus Australien, kein Erdöl von aus den Golf-Staaten, kein Schweröl für Container- und Kreuzfahrt­schiffe, keine Hambacher Braunkohle für Kraftwerke.

Stattdessen grüner Strom für alle Büros und Häuser; Hackschnitzel und Solarwärme für die neue Nah­wärme in der Stadt. Wie rasch? Schnell! In den kommenden drei Jahrzehnten muss der CO2 – Ausstoß in jedem Jahrzehnt halbiert werden, rechnen die Wissenschaftler vor. Also ist das Jahrzehnt 2020 bis 2030 das alles Entscheidende: 50% weniger fossile Energieträger!! Im darauffolgenden Jahr­zehnt wieder die Hälfte: 25%, und bis 2050 den Rest. Wann haben Sie mit Ihrem Auto die letzte Vollbremsung hingelegt? So etwa wird das sein! Ja, natürlich gab es genug Warnschilder – schon vor vierzig Jahren hat uns Prof. Hoimar von Dithfurth im Fernsehen vor der Klima­erhitzung gewarnt. Aber es keiner wollte es hören. Das Geschäftsmodell war zu verlockend: Billige Energie und eine angeblich kostenlose Mülldeponie namens Atmos­phäre. Vollgas, war die Parole. Aufschwung!

 

Und jetzt ist die Zeit sehr, sehr knapp. Je ängstlicher wir reagieren, je länger unsere kulturelle Schreck­sekunde dauert, umso drama­tischer wird die Vollbremsung! Und momentan sind wir nicht nur verdammt spät dran, nein, wir geben immer noch Vollgas!

Wie schaffen wir das in Bad Liebenzell? Auf den Höhen brauchen wir große Flächen für Solarenergie. AgroPV heißt das. Wir brauchen Standorte für die Windenergie. Auch nicht einfach. Die Mehrheit ist zwar dafür, aber die Gegner sind laut! Und wir brauchen einen modernen, ganz eng getakteten, hochmodernen Nahverkehr über alle Ortsteile. Im Viertelstunden-Takt. Elektrisch. Nur so wird es ein echter Ersatz für das Autofahren. Wir haben wenige Monate Zeit, um unsere klugen Köpfe zusam­men­­­zustecken. Abwarten geht nicht. Die Kinder werden es uns danken. Die Wissenschaftler des WBGU sprechen von „Herkules-Anstrengungen“ in den Jahren 2020 bis 2030! Jedes Jahr 5% weniger CO2!

Einen Herkules haben wir in Bad Lieben­zell zwar nicht, aber Erkinger könnte uns helfen!

 

Albrecht Martin